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Flügel Generalüberholt!

Bechstein Auffr 01General-Reparatur, Komplett-Überarbeitung, Runderneuerung etc. was bedeutet das?

Ein Blick in den dazugehörigen Wikipedia-Eintrag (Stand Feb. 2020) verrät erstmal nicht viel über die genaue Definition dieser Begriffe. Meiner Beobachtung nach passt zu den meisten Flügeln, die als generalüberholt angeboten werden, der Begriff Runderneuerung fast so gut wie zu Autoreifen. Die Assoziation, die mit den Worten "Erneuerung" und "Rundum" einhergehen entsprechen dem Eindruck dieser Flügel, die oft über hundert Jahre alt sind, aber wie neu aussehen. In den USA ist es zudem üblich den Resonanzboden zu erneuern, dies ist in Europa hingegen erst im Kommen. In genau dem Fall, dass neben dem Resonanzboden die Saiten und etliche Spielwerkskomponenten getauscht, also mit Neuware ersetzt werden, wird daraus ein schlüssiges Paket. Insofern dann alle maßgeblich klangprägenden Komponenten neu sind, erscheint es mir als zweitrangig wie alt der ursprüngliche Flügel ist und wie der Ausgangszustand war. Nun kommen wir zu dem Kern des Ganzen! Ist ein Steinway jetzt immer noch ein Steinway? Wenn dieser im Hause Steinway überholt wurde sicherlich. Falls dieser jedoch z.B. bei Bechstein überholt wurde und dort ein Bechstein Resonanzboden eingebaut wurde, ist es dann ein Bech-Steinway? Zwar darf vielleicht der alte Name auf dem Flügel stehen bleiben, aber die Fragen werden jetzt spannend! Ist es egal wer die Komponenten erneuert, solange die Ersatzteile in unserem Beispiel von Steinway kommen? Welche Rolle spielt dabei der Klavierbauer? 

Ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass der Handwerker, der Arbeiten am Flügel ausführt, eine ebenso klangprägende Rolle spielt, wie der Konstrukteur, der die physikalischen Rahmenbedingungen vorgibt. Insofern könnte man dem Markennamen/Konstrukteur eine prozentuale Gewichtung geben und darüber hinaus versuchen die Rolle des Handwerkers im Piano zu identifizieren.

 

Ist neuwertig = fast wie neu?

Zumeist fällt bei generalüberholten Flügeln noch der Begriff neuwertig. Dies trifft sicherlich auf die neu eingesetzten Komponenten zu. Begegnet aber ein generalreparierter Flügel, welcher im Kern zum Teil aus über hundert Jahre altem Material besteht, einem neu produzierten Flügel auf Augenhöhe? Was den handelsüblichen Preis betrifft schon einmal nicht. Aber genau darum geht es ja eingentlich! Der Flügel ist nicht neu, einige Bestandteile schon, er sieht neu aus und kostet deutlich weniger als die Hälfte eines vergleichbaren neuen gleichnamigen Flügels. Ist das dann Augenwischerei oder gar ein Plagiat, weil etwas anderes draufsteht als evtl. drinsteckt? Ich denke auch hier ist der Preis ausschlaggebend. Jedem Interessenten kann durchaus bewusst sein was vor ihm steht, wenn er auf das Preisschild achtet.

 

Unterscheidet sich dies bei einer Flügel-Restaurierung?

Wenn bei der Restaurierung viel altes Material erhalten bleibt, könnte nach obigem Gedankenmodell auch der Alterungsgeschichte eine prozentuale Gewichtung zustehen. Trotz der wesentlich konservativeren Restaurierungsansätze muss ganz klar sein, dass auch hier nicht drinsteckt, was draufsteht. Die Alterung und die Restaurierung verfremdet, aber noch wesentlicher ist der Unterschied, dass ein C.Bechstein von 1910 und ein C.Bechstein von 2010 nicht nur einer anderen Konstruktion folgen, sondern auch einer anderen Fertigung unterliegen und andere Materialien verwendet werden. Dokumentation und Detailwissen liefern die nötige Abhilfe.

 

Zusammenfassung Flügel-Generalüberholung

Die Bergriffe Flügel General-Restaurierung, -Reparatur und -Überholung werden in der Praxis oft vermischt. Der Betrachter kann nur mittels Detail-Wissen feststellen ob eher ein modernisierender oder eher ein konservierender Weg eingeschlagen wurde. Da auf dem Weg der erneuernden Modernisierung viele irreversiblen Veränderungen durchgeführt werden, verlieren solche Flügel an kulturellem Wert. Dagegen sind Restaurierungen im Sinne des Erhalts als Kulturgut aufwendiger und teurer, damit für die Zukunft keine Wege verbaut werden.