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Haben Klaviere und Flügel eine Berechtigung als Wertanlage?

Flügel als Kapitalanlage und Investment

Einerseits möchte ich die etwas sehr technische Beitragsserie „Von der Taste zum Ton“ einmal auflockern, andererseits höre ich derzeit diese Frage aus gegebenen Anlass öfter denn je: Wie verhält es sich mit dem Werterhalt bei Flügeln?
Wir sind in erster und wenigstens zweiter Linie keine Investmentberater, aber letztlich beschäftigt es viele, wie gut ihre Ersparnisse in einem alten Flügel angelegt sind und so versuchen wir diese Fragen bestmöglich zu beantworten. Da ich so wenig wie die meisten anderen weiß, was uns die Zukunft bringt, hilft es womöglich mal wieder in die Vergangenheit zu blicken. Darin sind wir ein Stück weit geübt, zumindest was die 100 jährigen Flügel angeht. Die noch existierenden Instrumente haben immerhin so manche Krise überlebt.


In einem Artikel aus der nmz¹ werden unter dem Titel „Die Entdeckung der Individualität“ von Hannah Schmidt eine Reihe von Fakten aufgezählt, die wichtig sind, um das Investment Flügel zu verstehen. Um 1900 wurden in Deutschland rund 200.000 Klaviere und Flügel pro Jahr gebaut. Heute sind es bloß noch um die 6000 dieser Instrumente im Jahr. Die Industrie spricht als Ursache für den niedrigen Absatz von einem Art Sättigungsprozess. Wenn jemand einen Flügel kauft, ist der Bedarf für die nächsten Jahre oder Generationen gedeckt. Eine solche lange Haltbarkeit wird sogar offenkundig als zu lange und damit als unwirtschaftlich bezeichnet. So steigen die Preise für neue Top-Flügel Jahr für Jahr.
Soweit meine Zusammenfassung eines Ausschnitts des Artikels. Ich bin damit nicht ganz einverstanden, da wir letztlich alle von der langen Haltbarkeit profitieren, aber die moderne Marktwirtschaft hat wohl eigene Regeln. Mir greift es auch zu kurz, dass Pianos stetig teurer werden müssen, schließlich ging es doch auch zuvor schon bei einigen Herstellern um möglichst hohe Qualität und nicht nur um billige Massenfabrikation, die auf leeren Bändern unwirtschaftlich wird. Ich denke hier werden Aspekte vermischt, um eine Argumentation aufzubauen die diesen unglaublich hohen Preis vieler neuer Instrumente legitimieren soll. Denn wenn es hinsichtlich teurer und günstiger Instrumente hart auf hart kommt, ist der Qualitätsunterschied meiner Meinung nach deutlich kleiner, als es der Preisunterschied suggeriert.

Was hat das nun mit dem geläufigen Investmentversprechen neuer Flügel zu tun?

Nun, wenn die Preise für neue Flügel stark ansteigen, wirkt sich dies auch auf den Wert der gebrauchten Instrumente aus. Denn ist der neue Flügel schlicht zu weit weg vom Budget, muss ein gebrauchtes Instrument herhalten und so bleiben die Preise für gebrauchte Flügel oft recht stabil. So war es zumindest in der Vergangenheit und so hat sich der Wert für gebrauchte Flügel und insbesondere für Steinway-Flügel immer auf einem hohen Niveau gehalten oder ist sogar minimal angestiegen. Aus zwei Gründen spreche ich diesem Umstand eine sichere Argumentationsgrundlage für ein sicheres Investment ab. Erstens ist die Kaufkraft in der Zwischenzeit derart gesunken, dass es für eben diesen Wert den man für einen gebrauchten Steinway bekommt, nicht mal annähernd ein vergleichbares neues Instrument gibt. Und zweitens ist es reine Spekulation davon auszugehen, dass die Preise in diesem Tempo weiter steigen werden, sodass ein heute gekaufter Flügel für diesen Geldwert in 15 Jahren verkauft werden könnte. Davon unberührt sind die nicht unerheblichen, zusätzlichen Kosten für Transport und Service.

Ist dann so ein Tasteninstrument eine schlechte Kapitalanlage?

Nun, schaut man sich gute Flügel an, die 50-150 Jahre alt sind, so würde ich sagen, dass sich diese nicht in dem Maße mit neuen Flügel vergleichen lassen, wie die jungen Gebrauchten, denn die bewusste Entscheidung für einen alten Flügel treffen die meisten nicht primär aus finanziellen Gründen. Eben diese alten Flügel sind im Originalzustand in den letzten Jahren preislich sehr stabil. Auch scheint das Angebot von Originalware zu sinken, was den Preis weiter stützt. Auf neu getrimmte, sogenannte „Neuwertig restaurierte Flügel“ haben dagegen den Markt immer mehr überschwemmt. Hier ist sogar ein Preisverfall der sonst so stabilen Steinway Flügel zu beobachten. Gute Originalware ist fast mehr wert, als auf neu gemachte Billig-Steinways. Die verschiedenen, künftigen Entwicklungsszenarien kann sich nun jeder selbst durchspielen. Was der Flügel im Zweifel nachher Wert ist? Ich weiß es auch nicht genau!

Drei Kriterien

Als Richtschnur würde ich aus der Erfahrung heraus den Flügel-Zeitwert in drei Bereiche aufteilen. Erstens ist das alte, im Original erhaltene Instrument etwas wert. Ab einem gewissen Alter nicht so viel, aber dafür scheinbar sehr stabil.
Einen zweiten Zeitwert würde ich der aktuellen Nutzbarkeit anrechnen, denn ist der alte Flügel zwar sehr gut erhalten, aber nicht mehr stimmbar, wirkt sich dies auch auf den Wert aus. Dieser Wertanteil ist weit schwieriger vorherzusagen, denn insbesondere für den Laien ist es sehr schwierig den technischen Ist-Zustand eines Flügel zu erkennen.
Einen dritten Anteil am Zeitwert würde ich der Qualität etwaiger durchgeführter Reparaturen bzw. dem Renommee der Werkstatt anrechnen. Wurden bei alten Flügel Arbeiten schlecht durchgeführt, findet der Flügel oft gar keinen Käufer mehr. Als Beispiel seien hier insbesondere der fehlende Anspruch an Authentizität genannt. Wer möchte schon einen alten Flügel haben, dem man seine Herkunft nicht mehr ansieht?
Eine solche Bewertung kann also sehr komplex sein. Im Kern würde ich behaupten, dass ein spielbarer und gepflegter Flügel zumindest immer einen gewissen monetären Wert behält.

Der Unterschied zur alten Meister-Violine

Besondere, alte Violinen sind schon länger Spekulationsobjekt und deren Preise erzielen auf Auktionen immer wieder neue Rekorde. Die Instandhaltungskosten für Reparaturen sind dazu relativ gering. Dagegen ist zur Zeit der Spekulations-Wert eines alten Flügels deutlich niedriger, wenn überhaupt vorhanden und die Kosten für Reparaturen deutlich höher. Daraus schließe ich, dass die drei genannten Kriterien unterschiedlich wertstabil sind. Angenommen man will einen alten Flügel nur als Spekulationsobjekt, braucht man ein möglichst gut erhaltenes Originalinstrument, aktuelle Nutzbarkeit ist zweitrangig, dazu ein gefragtes Modell z.B. einen Steinway B von 1910 und eine gute Lagermöglichkeit. Diesem Gedankenmodell rechne ich eine hohe Wertstabilität an. Die Frage ist nun: Wer will so etwas oder wer kann damit etwas anfangen? Richtig, da kommen nur Klavierexperten in Frage, die viel Platz haben.

Dass heißt, für denjenigen der sein geliebtes Instrument auch spielen möchte, kommt das nicht in Frage! Das bedeutet, sie oder er muss zusätzlich investieren, einmal zum Wiederherstellen der Nutzbarkeit und zum anderen für den stetigen Service. Dabei ist es völlig zweitrangig, ob es sich um ein neues Instrument oder um ein altes Instrument handelt, denn ein Teil des Investments verpufft für die Nutzbarkeit. Ich würde sogar behaupten, dass bei neuen Instrumenten in absoluten Zahlen beim Wiederverkauf deutlich mehr Geld verloren geht.

Zwei Beispielrechnungen

Wir bleiben bei dem obigen Steinway B Modell. Dieser kostete 1989 rund 70.000 Mark² sprich 35.000€. Für gut 30 Jahre Service kamen da je nach Anspruch noch ca. 10.000 € hinzu. Würde für eben diesen Steinway-Flügel heute 50.000€ bezahlt werden, ergäbe dies noch ein akzeptables Geschäft für den Eigentümer. Für ein Klavierhaus, das diesen Flügel noch einmal überholt und mit Garantie verkauft ist so ein Preis tatsächlich realistisch. Eine Privatperson wird es da deutlich schwerer haben. Nun ist die Krux an der Sache, dass ein neuer Steinway B heute ca. 115.000€ kostet. Nimmt man diese Preisdifferenz, die die realistische Kaufkraft für Spitzen-Flügel widerspiegelt, so gesehen spitzenflügelinfaltionsbereinigt, hat eben dieser Flügel einen relativen Verlust von 57% erlitten. In absoluten Zahlen sind das 65.000€. So liegt es jetzt stark an der Betrachtungsweise, ob der Wert nun gewonnen oder verloren hat. Spätestens jetzt sollte der Finanz-Spekulant schnell auf Violine umschulen.
Geht man nun davon aus, dass es Flügeln ähnlich ergeht wie anderen dauerhaften Gebrauchsgegenständen, dass diese am Anfang nach dem Kauf am meisten an Wert verlieren, kann man bei so einem langlebigen Produkt kräftig sparen, wenn man auf gebrauchte Ware zurückgreift. Sprich man kann ja heute den 80er Jahre Steinway kaufen und so fern gut gewartet auch weiterhin gebrauchen. Das Spiel kann man so lange nach hinten schieben und sparen, bis durch die Alterung oder Nutzung ernste Schäden am Instrument auftauchen. Und nun kann man die Rechnung umdrehen. Wie viel muss ich denn mindestens in den alten Flügel investieren, damit dieser mit einem neuen Spitzen-Flügel mithalten kann? Eines wird dabei offensichtlich, würde man heute mit der Preisdifferenz von 65.000€ einen 30 oder 100 Jahre alten Flügel überarbeiten, bleibt wohl noch ein Batzen Geld übrig.

Und nun?

Um nochmal auf die These aus dem nmz-Artikel zurückzukommen, dass die Langlebigkeit der Flügel ein Problem sei, möchte ich diese abschließend genau umdrehen.

Der Flügel ist genau dann ein tolles Investment, dass weit wertvoller als nur der Geldwert ist, wenn er lange hält und dabei viel Freude macht, denn darin ist er den meisten anderen Gütern bei weitem überlegen und so ist er seinen hohen Preis auch wert. Es hätte die Klavierbauer und deren Kunden vor einhundert Jahren sicherlich gerührt, hätten sie geahnt, dass es heute Menschen gibt, die die investierte Arbeitszeit und das viele Geld so sehr schätzen, dass sie es den nächsten Generationen unbedingt bewahren wollen.

 

Quellenangaben:
(1) https://www.nmz.de/artikel/die-entdeckung-der-individualitaet
(2) https://www.welt.de/print/wams/finanzen/article13597561/Klangvolle-Kapitalanlage.html