Klavierlack oder die „Kunst des Lackierens"

boesendorfer lackierenNur wenige Möbel, Autos und andere Gebrauchsgegenstände wurden so aufwendig lackiert wie Klaviere und Flügel. Dies hat seit über 200 Jahren Gültigkeit. Und so steht der Klavierlack ganz allgemein für Lackierungen in höchster Vollendung.

Dies ist wahrlich eine Kunst, da die Eigenschaften des Lacks so günstig zu nutzen sind, dass die einfallenden Lichtstrahlen möglichst geschickt in Wirkung gesetzt werden.

Die Eleganz von Palisander, die Seidigkeit von Eisbirke oder die Tiefe einer schwarzen Hochglanzfläche liegt letztlich in der Hand des Lackierers.

Franz Wenzel spricht 1926 von Luxuslackierung in höchster Vollendung, wenn er über die Lackierung von Klavieren schreibt. Diese und andere Bezeichnungen zeigen, dass Klavierlack primär für eine hohe Lackierqualität und nicht für ein spezielles Verfahren steht.

Der zeitlichen Entwicklung nach kamen früher Schleiflacke und Polituren zum Einsatz, während heute Nitro-, Acryl-, PU- und Polyesterlacke verwendet werden.

Polyesterlack KlavierlackDas Aussehen von schwarz polierten Polyesterflächen assoziieren wir heute besonders mit Klavierlack. So bekommt in der Werbung fast jede schwarz hochglänzende Fläche das Prädikat Klavierlack.

Die Vergangenheit geht dabei wesentlich vielschichtiger mit der Thematik um. Während es heute leicht möglich ist allem ein schwarz hochglänzendes Aussehen zu geben, war dies zu Beginn eine Besonderheit. Die Klaviere des frühen 19. Jhd. waren zumeist holzfarben ausgeführt, sodass hierbei eine Vielzahl heimischer und exotischer Hölzer als Dekor Verwendung fanden. Erst ab 1850 kamen schwarze Lackierungen in Mode.
Im Gegensatz zu einer holzfarbenen Fläche wirkt eine schwarze Hochglanzfläche wie ein abgedunkelter Spiegel, in dem sich jede Unebenheit sofort im Spiegelbild bemerkbar macht. Diese Besonderheit verlangt eine enorm hohe Güte des Untergrunds und der Lackierung - Eine Herausforderung - insbesondere was die großen, geraden Flächen eines Flügels angeht.

Bis heute gibt es keinen Lack der ohne entsprechende Nachbehandlung ausreichend gut verfließt, sodass immer diverse Schleif- und Poliervorgänge erforderlich sind.

In der neueren Zeit werden moderne Lacke mittels Sprühpistole aufgebracht, während früher mit dem Pinsel lackiert oder mit dem Ballen poliert wurde.

Vom Lackieren spricht man immer dann, wenn lediglich Lack aufgetragen wird. Schleifen und polieren beinhaltet dabei das Glätten der Fläche.

Während beim Polieren von lackierten Flächen von diesen etwas Material abgetragen wird, ist das Hand- oder Schellackpolieren ein auftragendes Polier-Verfahren. Hierbei wird mittels eines Stoffbausches etwas Schellacklösung aufgetragen. Dies ergibt so dünne Schellack-Schichten, dass die Fläche dabei immer glatt bleibt.

Modere Lackiermethoden

Polyester ReperaturkitZunächst soll auf die modernen Lacke eingegangen werden, während später die historischen Lackiermethoden ausführlich betrachtet werden.

Der erste moderne Lack kommt Anfang des 20 Jhd. auf den Markt. Hierzu werden statt der bisher üblichen Naturharze, solche aus künstlicher Herstellung verwendet.
Diese waren vor allem billig und im großen Maße verfügbar. Zwei Eigenschaften, die eine Ära der Kunstlackentwicklung nach sich zogen. Das Prinzip, dass Harze - ob natürliche oder künstliche - in einem Lösemittel gelöst werden, blieb seit jeher gleich. Erst Mitte des 20 Jhd. setzten sich auch komplett aushärtende, anschließend unlösliche Lacke durch. Hierzu zählen auch die Polyesterlacke, die heute besonders durch schwarze Klavierlackierungen ersichtlich sind. Polyesterlack bildet eine recht dicke Schicht, die gut schleifbar und polierbar ist. Nachteilig ist dabei die fehlende Löslichkeit und damit die Irreversibilität der Lackierung, sowie die formverfremdende Wirkung durch die dicke Lackschicht. Für die Restaurierung sind Polyesterlacke daher ungeeignet.
Heute werden Lacke zumeist mit Druckluft aufgesprüht. Das besonders ebene Aussehen entsteht durch diverse Zwischenschliffe und das finale Polieren, welches ein immer feiner werdendes Schleifen darstellt.
Daher kann der moderne Begriff 'Klavierlack' durchaus mit dem traditionellen Schleiflack gleichgesetzt werden. Zwar haben sich die Lacke in den letzten 100 Jahren verändert, der Wunsch nach einer perfekt ebenen Fläche blieb jedoch erhalten.

Historische Lackiertechniken

schleiflackFrüher wurde Schleiflack mittels Pinsel aufgetragen. Viele Schichten nacheinander wechselten sich mit diversen Schleifintervallen ab. Wie heute auch, wurde zum Abschluss die Fläche auspoliert. Je nachdem welche Verwendung der zu lackierende Gegenstand später hatte, konnte man auf verschiedenartige Lacke zurückgreifen. Bei Klavieren waren dies meist Lacke auf Spiritusbasis, wobei für Exporte in tropische Länder auch dauerhaftere Lacke genutzt wurden. Bei stärker beanspruchten Gegenständen waren dies meist fette Leinenöllacke. Prinzipiell gilt dabei: Je höher der Schmelzpunkt des Harzes, desto robuster ist es später.
Bei Klavieren sind Spirituslacke auf Schellack- oder Kopal-Basis besonders geeignet. Zudem werden ätherische Öle und weitere Harze beigemischt, um die Verarbeitung und das Fließverhalten zu verbessern. Besonders gute Spirituslacke verlaufen zu absolutem Hochglanz.
Harze sind dabei die getrockneten Baumsäfte, welche in Alkohol, Terpentin oder Leinöl löslich sind. Schellack ist im engen Sinne kein echtes Harz, da es nicht rein pflanzlich ist. Dieser lässt sich aber gut in Alkohol lösen und bietet einige vorteilhafte Eigenschaften.

Historische Poliertechniken

PolierballenAls eine einfache, aber praktische Alternative zum Lackieren bietet sich das Polierverfahren an. Der Ablauf ist dabei ein anderer, der verwendete Lack jedoch vergleichbar mit den Spirituslacken. Da meistens Schellack zum Polieren verwendet wird, spricht man von Schellackpolitur, Handpolitur oder Schellackhandpolitur. Im Gegensatz zu den abrasiven Polierverfahren der Schleif- und Sprühlacke, ist das Handpolieren ein auftragendes Polierverfahren. Ein in Leintücher geschlagener Stoffbausch wird mit stark verdünntem Lack getränkt und immer wieder über die zu lackierende Fläche geführt. Dabei verschmelzen die dünnen Lackschichten miteinander zu einer glatten Fläche. Entscheidend für das Gelingen einer schönen Oberfläche ist ein ebener Grund. Da Holz eine porige und faserige Struktur hat, gilt es diese zu schließen und zu verfestigen, ohne dabei einen trüben Schleier durch eine Grundierung zu erhalten. Dazu wird etwas Bimsmehl oder Tripel mit Schellack in die Poren gerieben bis eine glasige Fläche entsteht, die gerade so die Poren verschließt. Hierdurch fängt das Holz bereits an zu glänzen, ohne dass sich eine Lackschicht auf dem Holz befindet. Nach wenigen dünnen Schellackschichten bekommt das Holz ein schönes Aussehen ohne verfremdende oder gar künstliche Wirkung. Übermäßiger Einsatz von Bimssteinmehl führt zu trüben Flächen, bei denen nach einiger Zeit weißliche Poren zu sehen sind.

Historische Lacke

KopallackDie Lacke mit denen früher poliert oder lackiert wurde, sind eine Lösung von Harzen in Lösemittel. Als Lösemittel wurden für schnell trocknende Lacke Alkohol, für mittlere Trocknungsdauer Terpentinöle und für besonders dauerhafte, langsam trocknende Lacke Leinöl verwendet.
Je nach Bedarf wurden dabei verschiedene Harze verwendet. Geschmolzener Bernstein, gelöst in siedendem Leinöl, war die solideste Variante.
Spirituslacke auf Alkoholbasis ergeben sehr schöne, jedoch nur für den Innenraum geeignete Oberflächen. Dazwischen gibt es jede Menge verschiedener Abstufungen.
Die beim Klavierbau verwendeten Spirituslacke bestanden in den besten Jahren aus Lösungen von Schellack und Kopal. Dabei gibt es auch hier viele Unterschiede und Rezepturen. Für Polituren wurden reine Harzlösungen bevorzugt, beim Lackieren bediente man sich noch an Zusätzen ätherischer Öle, welche zu einem besseren Fluss verhelfen. Als Beispiel sei hier das Terpentin aus Lärchen genannt.

KnopflackWährend Schellack ein leicht wachshaltiges und in vielen Farbabstufungen erhältliches Harz ist, sind gute Kopale härter, glasklar und nur schwach gelblich gefärbt. Die stark variierenden Härtegrade der Kopale ermöglichen, dass es für jedes Lösemittel eine passende Kopalart gibt. Der Begriff Kopallack kann irreführend sein, wenn nicht gleichzeitig auf das verwendete Lösemittel und das damit verbundene Anwendungsgebiet hingewiesen wird. Es gibt noch zahlreiche weitere Harze, die für Lacke verwendet wurden, jedoch sind wegen der Robustheit besonders die vorab genannten zu gebrauchen.
Am Rande sei angeführt, dass ölhaltige Lacke besonders für den Außenbereich oder den feuchten Innenbereich verwendet wurden. Als Beispiel sind Karosserielacke oder solche für Küchentische genannt.
Seit den Anfängen des 20Jhd. setzten sich auch vermehrt günstige Kunstlacke durch. Die Ersten dieser Art bestanden aus chemisch verändertem Kolophonium, welches ein eher minderwertiges Harz aus heimischen Nadelbäumen ist.

Literatur

Die Recherchen zu den Ausführungen basieren auf eigenen Versuchen und den Quellen historischer Fachliteratur.
Genannt seien hier:

  • Die Fabrikation der Copal-, Terpentinöl- und Spiritus-Lacke, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1895
  • Die technischen Vollendungsarbeiten der Holz-Industrie, Louis Edgar Andés, A. Hartleben, 1888
  • Die Vollendungsarbeiten in der Schreinerei, Jacob Krall, K.Zimmermann, 1926
  • Das Lackierer-Buch, Franz Wenzel, Jüstel & Göttel, 1926
  • Das Schleifen Beizen und Polieren, Wilhelm Scmidt, Voigt Weimar, 1891