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"Die Piano-Restaurierer"

Artikel aus der FAZ vom Montag , 20.02.2012

"Die Brüder Rothe nehmen jahrhundertealte Klaviere und Flügel auseinander und bringen sie behutsam wieder in Schuss" von HANNO MUSSLER

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.

 

Quelle:

Frankfurter Allgemeine Zeitung   l   Unternehmen   l   Montag, 20.02.2012 , Nr. 43 / Seite 16

 


MENSCHEN & WIRTSCHAFT

 

Die Piano-Restaurierer

Die Brüder Rothe nehmen jahrhundertealte Klaviere und Flügel auseinander und bringen sie behutsam wieder in Schuss

Wer zwischen Frankfurt und Heidelberg die Autobahn A 5 bei Bensheim verlässt, um die Brüder Rothe in Lautertal im Odenwald aufzusuchen, muss auf der nur 10 Kilometer langen Strecke auf der Bundesstraße an zwei permanent die Geschwindigkeit messenden Kameras vorbei. Doch dann angekommen bei Rothe Piano, scheint die Zeit plötzlich wie still zu stehen. In einer alten Spenglerei haben die beiden Brüder ihre Werkstatt, in der sie alte Flügel und Klaviere, meist aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, in mühevoller Handarbeit restaurieren. "Vorsicht, da habe ich gerade lackiert", sagt Jared Rothe, als sich der Besucher einem schwarzen Carl-Mand-Flügel allzu behende nähert. Das rote Buch mit dem Titel "Das Beizen, Schleifen und Polieren des Holzes, Elfenbeins, Horns, der Knochen und Perlmutter", 1891 in Weimar herausgegeben, liegt noch da wie zum Beweis.

Jareds älterer Bruder Jendrik restaurierte schon mit 12 Jahren in der Garage der Eltern sein erstes Klavier. Das dauerte immerhin zwei Jahre, obwohl er auf die Hilfe eines Klavierstimmers und Klavierbauers zurück griff. Später finanzierte sich Jendrik Rothe das Design-Studium in London und die mehrmals im Monat erforderlichen Heimflüge mit der Klavierrestauration. Seit 2006 ist er hauptberuflich als Klavierrestaurateur und Klavierbauer tätig. Heute stehen in seiner Werkstatt 50 Klaviere und Flügel, die er nach und nach restauriert für den Weiterverkauf. Dabei geht er behutsam vor, zerlegt jedes Instrument, ersetzt Verschleißteile, reguliert die Mechanik, lässt aber oft viel altes Originalholz im Instrument. "Durch altes Holz bleibt der Ton länger stehen", sagt Jared und deutet auf einen Ibach-Flügel.

Allerdings verlören Resonanzböden oft an Spannung. Nur durch aufwendige Restaurierung - wölben und verjüngen des Resonanzbodens - werde der Klang alter Pianos ähnlich kräftig wie bei modernen. "Detailgetreu renoviert, haben alte Pianos eine Qualität und Klangvielfalt, wie sie heute nicht mehr gebaut wird", ist er überzeugt. Allerdings müssten sich Konzertpianisten, ähnlich wie die Geiger wieder an Individualität gewöhnen. "Viele wollen unbedingt ein Bechstein oder ein Steinway. Dabei gibt es tolle Alternativen wie etwa den fast vergessenen Klavierfabrikanten Carl Mand."

Der Ruf, dass alte Klaviere schlecht seien, sei jedenfalls falsch. Es komme auf die Restaurierung an. Bestätigt sehen sich die Rothes darin, dass sie inzwischen fast jedes Wochenende unterwegs sind, um ein Piano aus ihrer Werkstatt irgendwo auf eine Konzertbühne zu stellen, an Kunden verkaufte Instrumente zu stimmen oder wie demnächst zum vierten Mal auf der Frankfurter Musikmesse auszustellen. Dann greifen beide Brüder auch selbst in die Tasten - Jared zu Jazz, Jendrik zur Klassik.

Am wichtigsten sind Auftragsarbeiten für Kunden. "Wir sind für die nächsten neun Monate für größere Projekte ausgebucht", sagt Jendrik. Ein größeres Projekt, das ist für ihn, wenn ein Kunde sein altes Klavier oder Piano generalüberholen lässt. Das dauert rund drei Monate und kostet 10 000 bis 12 000 Euro, es können aber bei einer besonders aufwendigen Renovierung auch 25 000 oder 50 000 Euro werden. "Es gibt Projekte, bei denen wir genau rechnen. Aber es gibt auch Projekte, bei denen die Liebe zum Instrument überwiegt und wir so lange daran arbeiten, bis wir eben fertig sind. Vieles berechnen wir dann dem Kunden auch nicht", sagt Jendrik.

Der jüngere der beiden Brüder studiert noch angewandte Mechanik an der TU Darmstadt, ist aber "natürlich jede freie Minute in der Werkstatt". "Viele Erkenntnisse aus dem Studium konnte ich auf die Arbeit mit den Pianos übertragen, so bleibt mir die Physik im Flügel nicht mehr verborgen", zeigt er auf Apparate, mit denen er die alten Instrumente nach objektiven Kriterien vergleicht. Für Jared ist es noch ein Hobby. Für seinen älteren Bruder Jendrik dient das Klavierbauen- und -restaurieren ausschließlich dem Broterwerb. Der Vater, Mathematik und Physiklehrer, und die handwerklich und künstlerisch vielseitige Mutter halfen beim Aufbau des Geschäfts mit Krediten. Er müsse die Zinsen zahlen, die sie zahlen. Bei einer Bank sei er für sein Unternehmen noch nicht gewesen. "Ich kann eine Bilanz zeigen, aber eine jährliche Unternehmensplanung ist mir zu viel Aufwand. In der Zeit restauriere ich lieber", sagt er, auf Fräse und Hobel in der benachbarten Schreinerei zeigend. Das Wirtschaftliche habe er nicht gelernt, es sei in ihm als "Überlebenstrieb".

Entsprechend schmerzhaft waren schon die Erfahrungen: Anfangs arbeiteten die Rothes mit anderen Klavierbauern, meist aus Polen, zusammen, die aber ihre hohen Qualitätserwartungen an die Restaurierung nicht erfüllten. 2007 kauften sie zu viele Klaviere für die eigene Sammlung an, die Krise kam, die Flügel fanden keine Abnehmer und banden Kapital. Auch mussten die Rothes gegen einen Geschäftspartner vor Gericht ziehen. Heute machen sie alles selber: Schellackpolituren, Mechanik- und Akustikarbeiten. Angestellte haben sie keine und wollen auch keine. Sie haben Erfolg, indem sie alles alleine machen.

Ihr Ziel in, sagen wir: drei Jahren? "Es gibt so viele alte Klaviere, die meisten sind schlicht kaputt", stöhnt Jared. Er nimmt sich vor, noch cleverer einzukaufen, Flügel mit noch besserer Grundsubstanz zu erwerben, auf Chemikalien bei der Restaurierung zugunsten von Naturprodukten wie Schellack zu verzichten und die Werkstatt noch stärker auf wenige, aber lohnende Restaurierungen zu konzentrieren. Mit lohnend ist nicht unbedingt lukrativ gemeint. "Das Arbeiten an den Instrumenten ist für uns nie nur Arbeit. Es ist faszinierend, an Stücken zu arbeiten, die einst die deutsche Klavierbaukunst weltweit bekannt gemacht haben, heute weitgehend vergessen sind, aber in der Qualität wahrscheinlich nie wieder hergestellt werden", sagt Jared. Die Rothes sind Klavierliebhaber für Klavierliebhaber.

HANNO MUSSLER

 

Serie: Menschen und Wirtschaft: Die Gründer

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